• Simone Prüß

Beikost nach Bedarf

Aktualisiert: Jan 3

„Machst du auch breifrei oder fütterst du sie normal?“, wurde ich in einer Mütterrunde gefragt, als meine Tochter ins Beikostalter kam. Der Blick in erwartungsvolle, auf eine Hebammen-Meinung wartende Gesichter zeigte mir, wie sehr dieses Thema die Mütter beschäftigt. Einerseits gibt es die Ansichten der Großeltern-Generation mit starrem Schema zur Einführung von neunen Nahrungsmitteln wogegen man in Eltern-Blogs von sechs Monate alten Kindern liest, die selbst entscheiden, was sie essen. Bis zum Zeitpunkt dieser Frage hatte ich mich mit diesem Thema fachlich nicht weiter auseinandergesetzt. Heute kann sich sagen: Ja, Beikost nach Bedarf funktioniert!


Was ist BLW?


„Baby led weaning“, kurz BLW, bezeichnet die Phase der Entwöhnung von der Muttermilch und den langsamen Übergang zur festen Nahrung. Das Konzept umfasst eine durch das Baby gesteuerte Beikosteinführung. Das beikostreife Kind bekommt am Familientisch breifreie Nahrung angeboten und darf selbstbestimmt mitessen. Die BLW-Methode sieht vor, Kindern von Beginn an nur Nahrung anzubieten, die sie selbst greifen, zum Mund führen und anschließend mit Zunge und Gaumen zerdrücken können. Geprägt wurde der Begriff von der britischen Hebamme, Stillberaterin und Mutter Gill Rapley. Sie selbst betont, dass sie nur einer Methode einen Namen gegeben hat, die schon viele Eltern seit Generationen mit ihren Kindern praktizieren: Beikost nach Bedarf.

Die Empfehlungen zur Einführung der Beikost sind länderspezifisch unterschiedlich. In England beispielsweise wird das Anbieten von „Finger foods“, also nicht zerkleinerte Nahrungsmittel, schon am Beginn der Beikostzeit empfohlen, während in Neuseeland das Abwarten bis zum 7. Lebensmonat in den Leitlinien verankert ist. (1) Laut Empfehlungen der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (5) sollte die Beschaffenheit der Nahrung dem Entwicklungszustand des Kindes entsprechen. Demnach soll die Festigkeit des Breis schrittweise erhöht werden um rund um den 8. Monat eine texturiertere Konsistenz zu erreichen. (5).


Wann ist das Baby reif für breifreie Kost?


Die Beikost sollte je nach Entwicklungsstand des Kindes um das 6. Lebensmonat, genauer zwischen 17. und 27. Lebenswoche, eingeführt werden. Die Reifezeichen wie zum Beispiel das Verschwinden des Ausspuck-Reflexes, aufrechtes Sitzen, koordinierte Hand-Mund-Bewegungen und Interesse am Essen anderer sollten erreicht sein. (5) Bis zur Veröffentlichung der WHO-Leitlinie 2003 (7) war ein Zufüttern schon ab und vor dem 4. Lebensmonat üblich, was ein Füttern von pürierter Nahrung mit dem Löffel erforderlich machte, da nur die wenigsten Kinder zu diesem Zeitpunkt schon die Reifezeichen besaßen, um Nahrung selbst in die Hand zu nehmen und zu kauen. Die generelle tendenziell spätere Einführung der Beikost macht es möglich, dem Kind ganze Nahrungsmittel anzubieten, und verhalf wahrscheinlich der Methode der breifreien Kost über die Jahre zu größerer Beliebtheit. (1)

Für die breifreie Kost muss das Kind in der Lage sein Nahrungsmittel selbst zu nehmen und zum Mund zu führen um den Energie- und Nährstoffbedarf zu decken. 68% der 4-6 Monate alten und 85% der 6-7 Monate alten Kinder sind laut einer Untersuchung in der Lage Nahrungsmittel zu nehmen, zu halten und zum Mund zu führen.

Breifreie Kost wird generell mit einer späteren Beikosteinführung assoziiert. (3) Es wird empfohlen während und nach der Beikosteinführung weiter zu stillen. Denn Muttermilch bzw. Säuglingsanfangsnahrung bleibt im gesamten 1. Lebensjahr eine wichtige Nährstoff- und Energiequelle. (5,7)


"Under one is just for fun" - Muttermilch oder Pre-Nahrung bleibt bis zum 1. Geburtstag Hauptlieferant für Nährstoffe

Was kommt auf den Babyteller?


Das Nahrungsangebot von Eltern, die dem BLW-Konzept folgen, reicht über gedünstete Karottensticks und ‚Brokkolibäumchen’ hinaus. Honig, rohe Eier, Fisch und Fleisch, Lebensmittel mit hohem Salzgehalt, verarbeitete Fleischwaren und kleine Lebensmittel wie Nüsse, Hülsenfrüchte, Samen und Körner gehören jedoch nicht auf den Babyteller. (5) Das Angebot an Rezepten zur breifreien Kost in Büchern und im Internet ist groß und ermöglicht ein abwechslungsreiches Essen für die ganze Familie. Mich hat das Buch "Junika beginnt zu essen" von Eva Kamper-Grachegg und Manuela Christl begleitet. Praktisch für die breifreie Beikost sind sogenannte Essmatten oder Teller mit Saugnapf. Diese lassen sich gut am Tisch fixieren. Wir verwenden mittlerweile die "Happy Mat" von ezpz (Achtung: unbezahlte Werbung). Unser momentanes Lieblingsrezept sind Frühstückskekse. Die eigenen sich auch zum Mitnehmen und als gesunder Snack für zwischendurch. Auch den Großen schmeckt es!


"Fussy Eaters"


Einer großen Umfrage zufolge haben Kinder, deren Beikost nach dem BLW-Konzept eingeführt wurde ein gesünderes Essverhalten und sind im Alter von 18-24 Monaten von ihren Müttern als weniger wählerisch oder als – wie es im Englischem heißt – ‚fussy eaters’ bezeichnet worden. In einer weiteren Umfrage wurden Geschmackspräferenzen im Vorschulalter erfragt. In der BLW-Gruppe zeigten sich Vorlieben für Kohlenhydrate und in der Gruppe mit traditionellem Ansatz Präferenzen für süße Nahrungsmittel. (1)


Ja, zugegeben: der 2. Gang wird manchmal unterm Tisch eingenommen. Dafür macht das Essen Spaß!

Besteht die Gefahr, dass sich mein Baby verschluckt?


Um dem Verschlucken vorzubeugen wird empfohlen angebotene Nahrungsmittel in großen Stücken zu portionieren, so dass Babys sie gut greifen können. Außerdem sollten sie weich genug sein, dass sie gut mit der Zunge zerdrückt werden können. Kleine Nahrungsmittel wie Nüsse, feste Beeren oder Popcorn sind Tabu. Zudem sollte nach dem BLW-Konzept mit der Beikosteinführung bis zum 6. Monat gewartet werden. Babys sollten nur aufrecht sitzend, unter Beobachtung eines Erwachsenen in ihrem eigenen Tempo essen. Niemals dürfen Nahrungsmittel in den Mund des Babys gesteckt werden. Eine große Untersuchung zum Babyled weaning zeigte, dass keine erhöhte Verschluckungsgefahr besteht. (Für die, die es genauer wissen wollen: Bliss-Studie: Baby-Led Introduction to SolidS). (3)


Welche Ernährung ist verantwortungsvoll?


Vielleicht sollte man sich bei der Entscheidung welchen "Beikostweg" man wählt die Gedanken von Dr. Renz-Polster (bekannter Kinderarzt und Autor) in den Hinterkopf rufen:

Bei unseren Babys handelt es sich um gesunde, kompetente Menschenkinder, die uns deutlich zeigen, wann sie bereit für Beikost sind.

So wird auch klar, warum man manchmal von einem starren Schema abweichen muss. Das gilt für beide Richtungen, denn bedeutet ‚breifrei’ auch Breiverbot? Sogar die Gegenseite zum breifreien Konzept räumt ein, dass BLW „Denkanstöße für eine Öffnung der Breiempfehlungen nach dem Ernährungsplan geben“ kann. „Beikost als Fingerfood und die traditionelle Breieinführung schließen einander nicht aus.“(4) Wichtig erscheint es also, offen zu sein, nicht in Extreme zu gehen und das Kind mit seinen Bedürfnissen in den Mittelpunkt zu stellen. Der Großteil des Energie- und Nährstoffbedarfs im ersten Lebensjahr wird durch die Muttermilch bzw. Säuglingsanfangsnahrung und nicht durch Beikost gedeckt. Zu wissen, dass ein Beikosteinführungsplan kein Abstillplan ist, entspannt und nimmt den Druck.



Quellen:

(1) Brown A, Jones S, Rowan H (2017): Baby-Led Weaning: The Evidance to Date. Curr Nutr Rep (2017) 6:148-156; DOI: 10.1007/s13668-017-0201-2

(2) Cameron SL, Heath A-L M, Taylor RW (2012): Healthcare professionals’ and mothers’ knowledge of, attitudes to and experiences with Baby-Led Weaning: a content analysis study. BMJ Open. 2012; 2(6): e001542. DOI: 10.1136/bmjopen-2012-001542

(3) Fangupo L, Heath A, Williams S, Erickson Williams L, Morison B, Fleming E, Taylor B, Wheeler B, Taylor R (2016): A Baby-Led Approach to Eating Solids and Risk of Choking.

Pediatrics Sep 2016, e20160772; DOI: 10.1542/peds.2016-0772

(4) Hilbig A, Alexy U, Kersting M (2014): Beikost in Form von Breikost oder Fingerfood. Monatsschr Kinderheilkd 2014 · 162:616–622 DOI 10.1007/s00112-014-3090-0

(5) Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH (2010). Österreichische Beikostempfehlungen-Richtig essen von Anfang an. http://www.richtigessenvonanfangan.at/ [2.7.2017]

(6) Renz-Polster H (2016): Zoff ums Beifüttern.

http://blog.kinder-verstehen.de/ [2.7.2017]

(7) World Health Organization (WHO), 2003: Guiding principles for complementary feeding of the breastfed child. http://www.who.int/ [2.7.2017]


Adaptierter Artikel erschien in der österreichischen Hebammenzeitung: 04/2017


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